Schneebälle in Shangri-La
December 16th, 2009 § Leave a Comment
Eigentlich sollte dies die Woche des sanften Semesterausklangs werden. Keine Seminare und Vorlesungen mehr, nur Abschlussarbeiten zu korrigieren und Noten zu verteilen. Endlich Zeit, das Privatleben in Ordnung zu bringen: Rechnungen bezahlen, Handwerker engagieren, Flüge buchen.
Dachte ich, bis ich von merkwürdigen Ereignissen überrascht wurde, die meine Pläne wie Schneebälle den Hang hinunter kullern ließen.
Als Erstes fing es an zu schneien, als ich gerade mit meinem neuen alten Auto eine Ladung Pellets für meinen angeblichen Öko-Ofen besorgte. Zu Hause angekommen, kriegte ich den Sack nicht aus dem Kofferraum. Das Schloss war eingefroren.
Am nächsten Morgen lagen zehn Zentimeter Schnee. Ich schippte, während der Nachbar mir seinen Schneebläser vorführte, und fuhr dann mit dem Schulbus zur Uni.
In mein Büro marschiert eine heulende Studentin. Wenn andere eine Eins kriegen, will sie auch eine Eins. Sie ist im Master-Programm und wirkt, als habe sie diese Methode schon öfter angewendet. Diesmal klappt’s nicht. Ich schiebe ihr die Schachtel Kleenex auf meinem Schreibtisch zu und sehe ihr beim Heulen zu.
Nach Hause geflohen, nehme ich mir die Abschlussklausuren der jüngeren Studentenklasse vor. Die sind objektivierbar, denke ich, die meisten Aufgaben sind Multiple Choice, und erfreulicherweise scheinen die meisten tatsächlich gebüffelt zu haben. Oder gedopt?
Als ich die Hälfte durch habe, wird mir klar, dass mein sorgfältig ausgeklügeltes 1000-Punkte-Notensystem nicht funktionieren wird. Zuviele A’s und B’s, nur die echte Einser-Studentin kommt auf keine Eins. Mir dröhnt der Kopf, ich denke, einfach alle durchkorrigieren, dann kriegst du den Überblick.
Zwei Klausuren fehlen. Weg. Ich muss sie irgendwo verloren haben.
Durch knöchelhohe Schneewehen stakse ich den Heimweg noch einmal ab. Ach hätte ich nur die Klausurfragen statt auf weißes auf buntes Papier kopiert! Was tun? Den beiden Kandidatinnen einfach eine Eins geben? Das geht jetzt natürlich nicht mehr.
Ich rufe beim Wachdienst der Uni an, berate mich mit einem vertrauenswürdigen Kollegen, schlucke Aspirin. Soll ich mich krank melden, mit dem Benoten auf die Schneeschmelze warten?
Wieder nach Hause, noch einmal alles durchgesehen. Kaum zu glauben, da ist sie, eine der fehlenden Klausuren. Und die andere? Das wäre dann doch zu einfach gewesen. So einfach ist das Leben nicht einmal in Shangri-La.