Freitagabend in Shangri-La

February 5th, 2011 § Leave a Comment

Arbeitet Ihr noch dran?” Die Kellnerin inspiziert schon zum zweiten Mal unsere halb leer gegessenen Teller, und jetzt stellt ihr Kollege am Nebentisch die Stühle hoch. Feierabend im El Cazador. Wir raffen unsere Sachen zusammen und treten auf die Straße. Es ist kurz nach 21 Uhr. Mein Freitagabend in Missoula geht in die sechste Stunde.

Um 16 Uhr tritt die Fakultät jede Woche im Union Club zusammen, einem ehemaligen Gewerkschaftslokal nicht weit vom Fluss. Zu essen gibt’s hier nichts außer Popcorn, dafür Bier in Literkrügen und ein Foto an der Wand, das an den Besuch von John F. Kennedy vor 50 Jahren erinnert. Kollektives Gemecker über endlose Abteilungssitzungen, dann Jagdgeschichten und Spekulationen über die Zukunft des Football (bei den Spielern häufen sich Schädelbrüche und Gehirnerschütterungen). Ein Kollege bringt immer seine Tochter mit, sie ist jetzt ein Jahr alt und kann schon ein Riesen-Nilpferd aus Plastik über die noch leere Tanzfläche schieben.

Ich gehe vor die Tür um zu rauchen (seit einem Jahr ist der Union Club rauchfrei, was die Atmosphäre zwar kinderfreundlich, aber etwas traurig macht). Draußen treffe ich Studenten, die an diesem Abend mit ihrer Band im ersten Stock auftreten. Einer fragt mich, ob ich kommen will, ich bin aber ins Kino verabredet. “Henriette würde wahrscheinlich sowieso wieder nur die Stirn runzeln und uns zweifelnd anstarren, wie eine echte Deutsche”, sagt der Student ganz frech.

Ich bin spät dran, dränge mich durch die Menschenmenge auf dem Bürgersteig. Wie an jedem ersten Freitag im Monat flaniert das Volk durch improvisierte Kunstausstellungen in Galerien, Cafes und Yoga-Studios. Vor ein paar Tagen hatten wir noch minus 20 Grad, jetzt taut es, und die ersten Mädchen tragen schon wieder nackte Beine zu Shorts und Cowboystiefeln.

Es gibt drei Premierenkinos in Missoula, zwei davon Multiplexe am Stadtrand, das dritte ist das Wilma, ein ehemaliges Burlesk-Theater in der Innenstadt. Gespielt werden der stotternde König und der schwarze Schwan, wir nehmen den Schwan, und was man auch von diesem Film halten mag, er weckt jedenfalls auf, weshalb wir uns am eigentlich jetzt schon späteren Abend noch mit Leuten ins Central verabreden.

Aus dem Augenwinkel hatte ich sie schon gesehen, ein Haufen Elend, auf dem Gehweg kauernd. Als wir uns nähern, lehnt sie torkelnd an der Wand, das Gesicht blass, die Augen dröhnend, die Glieder aus Gummi. Eine Frau stützt sie sanft, damit sie nicht wieder auf den Boden rutscht. Wir halten an. Keiner von uns kennt das Gummimädchen, aber wir kennen einander. “Wie geht’s denn so? Lange nicht gesehen.” Nach zehn Minuten kommt die Polizei; der Cop ist klein und freundlich, er versucht ihre Adresse herauszukriegen. Dann kann er sie nach Hause fahren, anstatt den Krankenwagen zu rufen, was sie teuer kommen würde, aber sie lallt nur, dass sie noch im Top Hat verabredet ist. Wir bleiben noch ein bisschen, dann verabschieden wir uns und lassen Polizisten und Gummimädchen allein.

Im Central waren wir bis kurz nach Mitternacht, haben im Hinterzimmer Pool gespielt. Die anderen gehen noch tanzen im Union Club, aber ich will jetzt nach Hause. Auf dem Weg zur Brücke spricht mich eine Frau an: “Du hast deine Mütze im Restaurant vergessen, wir haben sie für dich aufgehoben.” Ach so, die Kellnerin aus dem El Cazador.

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